Hier und Jetzt: Interview

Interview mit Regisseurin Katrin Barben und den HauptdarstellerInnen Annette Koenig (Jo), Tina Kohler (Gibsi) und Andreas Schnegg (Luk)

Das Interview führte Frau Dr. Eike Hansen

 

Was war dein Impuls zu diesem Film?

Katrin: Mein Impuls war, gemeinsam mit FreundInnen ein Projekt spielerisch zu entwickeln, anstatt alleine am Schreibtisch zu sitzen und mir was aus den Fingern zu saugen. Ein Experiment wagen.

 

Wie hat sich das Thema heraus geschält?

Katrin: Das Thema hat sich organisch aus der Arbeit ergeben. "Hier und Jetzt" ist durch jahrelange Zusammenarbeit und Improvisation mit den HauptdarstellerInnen entstanden. Unser Ausgangspunkt war die Frage, ´Was tue ich, wenn ich nichts tue?´ 

Ich wollte in meinem Film Leute zeigen, die nichts tun, die sich dem Sein widmen, die Müssiggang nicht als aller Laster Anfang sondern als Selbstbestimmung und persönliche Freiheit erleben. Doch das war bloss ein Konstrukt. Denn in der Improvisation hat sich gezeigt, dass die DarstellerInnen am Nichtstun verzweifelt sind. Also haben wir aus ihnen Figuren gemacht, die das Nichtstun in den Wahnsinn treibt.

 

Wir sind ja nicht in Tibet, wo jemand das Nichtstun beherrscht – man tut nichts und tut alles. Ich finde das gut, das in einen so normalen Zusammenhang zu bringen, gerade in unserer Leistungsgesellschaft. Es ist wie ein Sakrileg, wenn man nichts tut. Wie ist euer persönliches Verhältnis zum Nichtstun? Hat sich euer Verhältnis im Laufe der Arbeit am Film verändert?

Tina: Hier haben meine grössten Veränderungen stattgefunden. Nichtstun hat indirekt eine sehr produktive Seite. Bewusst war mir das schon immer, aber heute kann ich das konkrete Nichtstun besser pflegen.

Andreas: Meine persönliche Vorstellung von Nichtstun wurde durch die Arbeit für den Film sicher stark beeinflusst. Heute würde ich sagen - wie Luk es übrigens auch sagt - nichts tun kann man nicht. Mich interessiert vielmehr die Situation, was passiert, wenn ich nichts tun muss, wenn ich z.B. keine Verpflichtungen habe. Schon allein die Vorstellung, am nächsten freien Tag keine Abmachungen zu haben, löst ein gutes Gefühl aus und gibt Raum für Neues. Das sollte man sich reglemässig gönnen.

Annette: Das Nichtstun ist mir heilig. Ehrlich gesagt, ich liebe es. Es ist ein Raum, der sich anfangs wie ein Vakuum anfühlt. Das empfinde ich dann eher als nervig und unangenehm. Doch dann macht es plötzlich KLICK und die Gedanken hören auf, kein Grübeln, kein Studieren mehr..., dann wenn der Moment nur noch Moment ist.

Die Arbeit am Film hat mir die Legitimation zum Nichtstun gegeben, ohne dass ich mich dafür rechtfertigen muss, weder mir selbst noch anderen gegenüber. Es ist mein Recht und mein Bedürfnis, hier und jetzt nichts zu tun.

Katrin: Ich hatte in den letzten Jahren während der Arbeit an diesem Film so wenig Musse wie nie zuvor. Nun gilt es das wieder neu zu lernen und in meinen Alltag zu integrieren. Wenn man auf diesem exzessiven Tun-Trip ist, ist es schwer wieder runterzukommen. 

 

Was konntet ihr als DarstellerInnen selber beitragen zu den Themen eurer Figuren - Gedankenterror, Selbstsabotage, Blockade...?

Annette: Das Thema Blockade, vor allem in einem künstlerischen Prozess, habe ich selber gewählt. 2007 als wir mit der Figurenarbeit begannen, war ich bereits Studentin an der Kunsthochschule. Ich wusste, was es heisst termingerecht Kunst anzufertigen, unter Druck zu stehen, die Intuition zu verlieren und blockiert vor einem leeren Blatt zu sitzen. Diese Erfahrungen weckten mein Interesse, das Wesen der Blockade zu erforschen. Was blockiert mich und warum? Wie kann Stillstand wieder in Bewegung kommen?

Tina: Das meiste habe ich selber beigetragen zu meiner Figur. Nur von den Herzproblemen war ich zuerst nicht begeistert. Im Nachhinein finde ich aber gerade diese Szenen sehr lustig. Mir war wichtig, dass Gibsi trotz Drama irgendwie lustig bleibt und gleichzeitig berührt. Als Musikerin kenne ich die Selbstsabotage. Als kreativ Tätige konfrontiere ich mich zwangsläufig mit meinen Unfähigkeiten und Ängsten. Je älter ich werde desto gelassener und freudiger kann ich den Herausforderungen begegnen.

Andreas: Ich habe mich mit meinen persönlichen Lösungsmustern auseinandergesetzt, die mir dabei helfen sollten, mich vor schädlichen Gedanken zu retten. Ständig zu denken, im Jetzt etwas tun zu müssen (und zu glauben, das auch zu können), das zapft unglaublich viel Energie ab. Ich hab die Erfahrung gemacht, dass ich mich dann überlade mit zuviel Verantwortung. Nur um ja keinen Kontrollverlust zu erleben. Schliesslich habe ich meinen inneren Dialog entdeckt, die inneren Stimmen, die sich nur selten einig sind. Das hat dazu geführt, dass ich begonnen habe meine Motive grundsätzlich zu hinterfragen. Indem ich mich vertiefter mit solchen Fragen beschäftigt habe, ist das Dilemma von Luk, sein Gedanketerror, entstanden.

 

Ihr seid ja alle nicht professionelle SchauspielerInnen und ihr bringt eure Figuren so authentisch rüber, dass sich die Frage aufdrängt, spielt ihr euch selber? Ist das Dokufiction? Inwiefern haben die Filmfiguren was mit euch zu tun?

Tina: Ich bin im richtigen Leben auch Musikerin und viele Themen der Gibsi kenne ich aus meinem Leben. Damit der Film spannend bleibt wurde vieles erhöht und dramatischer gestaltet.

Andreas: Ja, Luk ist eine Art "ausgeprägtere" Variante von mir selber. Die Themen, die Luk beschäftigen, sind auch für mich in meinem Leben  essentiell: Sind meine Gedanken das Werkzeug zum Ziel? Wie denke ich über mein Leben, meinen Weg und das, was mir begegnet? Was passiert, wenn mein Kopf mir einen Stein in den Weg legt? Ich, das Opfer meiner Gedanken? Bin ich selber schuld, wenn sich die Gedanken gegenseitig kurz und klein schlagen? Bis dann wieder Ruhe einkehrt im Jetzt. Luk beschäftigt sich intensiver mit solchen Themen, er erfährt es unmittelbarer als ich. Er macht eigentlich nur noch das. Er leidet aber auch mehr darunter. Ich glaube, dass ich mittlerweile eine gesündere Distanz zu gewissen "Mindfucks" habe. Ich kann mich besser von aussen betrachten, was Ruhe und Zuversicht bringen kann. Aber manchmal klappt das auch gar nicht, und ich halte mich mit den alten Lösungsstrategien über Wasser. So wie Luk.

Annette: Der impulsive Charakter der Figur Jo entspricht meinem eigenen Wesen. Daher konnte ich mich gut in die verschiedenen Stimmungen von Jo einfühlen und ihnen Ausdruck und Farbe verleihen. 

 

Habt ihr beim Drehen auch improvisiert oder gab’s ein Drehbuch, an das ihr euch halten musstet?

Katrin: Teils, teils. In den meisten Dialogszenen sagen die DarstellerInnen, was wirklich im Buch steht. Das war für mich eine zwiespältige Angelegenheit. Eigentlich wollte ich nicht, dass sie die Dialoge auswendig lernen. Ich hätte bevorzugt, wenn sie mit dem Wissen über den Verlauf der Szene und ein paar Fixpunkten improvisiert hätten. Doch die meisten haben sich dafür entschieden, ihren Text auswendig zu lernen. Das kann man dann nicht mehr ungeschehen machen. Bei den WG-Szenen hingegen, haben wir die Szenen im Sinne des Drehbuchs improvisiert.

Tina: Wir mussten nicht Wort für Wort des Drehbuches wiedergeben. Aber wenn ein inhaltlicher Punkte fehlte, hat uns Katrin darauf hingewiesen… Ich habe mich deshalb an den Drehbuchtext gehalten.

Annette: Das Drehen selbst war eigentlich eine Art Mischung aus Improvisation und Drehbuch. Ich wusste über welche emotionalen und dramaturgischen Stationen die Szenen läuft, und diese musste ich als Schauspielerin auch bedienen. Das Gerüst war durch das Drehbuch gegeben, und wie ich das Fleisch an den Knochen brachte, konnte ich mittels Impro ranspielen. Ich habe bewusst die Texte nicht wortwörtlich auswendig gelernt, damit ich noch Freiraum habe. Stichworte waren mein Gerüst.

Das tönt jetzt frei und spielerisch, doch ich habe mich sehr stark an den ursprünglichen Improvisationen orientiert, die zur Entstehung der geschriebenen Szenen führten. Damals sind sehr viele tolle Elemente entstanden, die für mich schon grundsätzlich genug Fleisch hergaben. Als hätten wir in der Impro schon wie alles ausgeschöpft. 

Ich habe beim Drehen vielleicht nicht immer den selben Satz gesagt, aber inhaltlich mussten die Dinge schon kommen, sonst hätte die Szene nicht mehr gestimmt.

 

Wie muss man sich die Zusammenarbeit mit der Kamera vorstellen, wenn die DarstellerInnen frei und beweglich sein durften? Gab es ein fixes Konzept?

Katrin: Das Konzept war, dass es kein Konzept gab. Andreas Höfer (Sommer vorm Balkon, Strajk – die Heldin von Danzig, Whisky mit Wodka) ist ein sehr erfahrener Kameramann und er liebt es, eine Szene erst an Ort und Stelle aufzulösen. Aber wir wollten uns visuell klar von einer dokumentarischen Kamera abgrenzen, die so tut, als wäre sie jetzt grad live dabei und dokumentiere das Geschehen. Natürlich hat sich die Kamera den DarstellerInnen angepasst und ihnen jeglichen Freiraum gegeben. Wir haben bewusst mit zwei Kameras gedreht, damit die Szenen nicht zu oft wiederholt werden mussten. Auch die absolute Reduktion, in technischer und lichtgestalterischer Hinsicht, hat uns eine grosse Leichtigkeit und Beweglichkeit beim Drehen ermöglicht, die Gold wert war. Aber man darf trotzdem nicht vergessen, dass die DarstellerInnen sich während der 5 Jahre Entwicklungsarbeit an die Kamera gewöhnt haben. Von der ersten Übung an wurde immer alles gefilmt. 

 

Was war für euch die grösste Herausforderung bei der Arbeit an diesem Film?

Tina: Von meiner lieben Freundin Katrin so viele „Anweisungen“ bis „Befehle“ zu erhalten. Wenn man sich weniger nah ist, ist es vielleicht einfacher. Obschon…, mir kommen grad Zweifel. Ich bin widerspenstig und lasse mir nicht alles gefallen.

Annette: Ich hatte im Vorfeld vor vielen Dingen Angst, z.B. vor den vielen unbekannten Leute auf dem Set. Vorher beim Improvisieren und Proben und Entwickeln waren wir immer eine sehr vertraute und kleine Gruppe. Kann ich die Rolle spielen ohne verkrampft zu sein, mich trotzdem frei fühlen? Ich bin ja eine Laienschauspielerin, und ich habe im Vorfeld oft gedacht, dass ich es nicht auf die Reihe kriege, dass ich ‚over-acte’ oder schlicht die Szene nicht hinkriege. Und dadurch alles vermassle... Ich vertraute schlussendlich Katrin, weil sie hat mich ja ausgewählt für diese Rolle, und sie ist ein Profi, und sie als Regisseurin führt die Schauspielenden im Sinne des Filmes. Die Angst ist ja immer nur im voraus. Und sie war unbegründet. Das Vertrauen zu Katrin hat mir die Ängste genommen, und es war eine ganz tolle Erfahrung, die ich nicht mehr hergeben möchte. Es war auch eine sehr grosse Herausforderung, die Szenen zu "lernen". D.h. nicht unbedingt den Text auswendig lernen, sondern die emotionalen Punkte, die meine Figur in der Szene durchläuft, dass ich die auch bringen kann. Da ist der Text weniger wichtig, vielmehr wie ich reagiere, die kleinen Blicke und mini Gesten... 

Andreas: Ich habe zwar nie daran gezweifelt, dass ich bis zum Ende mit dabei sein werde, aber über die vielen Jahre immer wieder dran zu bleiben, das war die grösste Herausforderung.

Katrin: Dem kann ich mich anschliessen, durchhalten war die grösste Herausforderung. Sich nicht entmutigen zu lassen durch die unzähligen Hindernisse, die es auf einem so langen Weg zu überwinden gilt.

 

Ich finde sehr eindrücklich, wie du über all die Jahre den Glauben und die Kraft nie verloren hast, auch als eine Absage nach der anderen kam und du bis am Ende keinen Rappen Förderung bekamst.

Katrin: Diese Berg- und Talfahrt hat viele Etappen. Ich glaube schon, dass es tief in einem drin diesen Glauben braucht, das mach ich jetzt, egal welche Hindernisse sich in den Weg stellen. Und klar, hatte ich mit Rückschlägen zu kämpfen, fragte mich, ob ich verrückt bin, den Film gegen die vielen Widerstände zu produzieren? Andererseits liegt ganz viel Freiheit auf diesem Weg. Klar, du brauchst ein bisschen Geld, in unserem Fall waren es jetzt Fr. 200'000.-, die ich von grosszügigen SpenderInnen bekommen habe. Meinen Bruder um Geld zu fragen, war sicherlich einer der schwierigsten Momente. Dann hast du also Geld, aber wenig, und das macht dich kreativ beim Produzieren. Du weißt z.B., ich kann mir keine Ausstattung leisten, also suchst du Drehorte, die so wie sie sind schon ideal zu Figur oder Szene passen. Du verzichtest auf künstliches Licht, du drehst in geringerer Auflösung, damit du keinen Focus-PullerIn brauchst, dafür hast du den Luxus, mit zwei Kameras zu drehen. Du suchst nach einfachen und kreativen Lösungen im Sinne des Filmes. Und du weißt genau, wie viel Geld du wofür einsetzen kannst. Auf dieser Basis machst du den Leuten Angebote, und sie entscheiden dann, ob sie dabei sein wollen, auch wenn sie weniger als üblich verdienen. Das bringt am Ende ein hoch motiviertes Team zusammen. Denn eines ist klar, als Regisseurin bist du niemand ohne Team, und ich möchte an dieser Stelle noch einmal allen Beteiligten ein zu tiefst dankbares und herzliches Dankeschön aussprechen.